Gmünder Runde 2011 am LGH

Welchen Beitrag kann Hochbegabtenförderung zu einer allgemeinen Schulentwicklung leisten, welchen Nutzen hat sie für die Schüler selbst? Und wie können auch andere Schulen, ja sogar andere Schularten davon profitieren? Diese Fragen beschäftigten die 9. Gmünder Runde, die sich am Donnerstag und Freitag im Landesgymnasium für Hochbegabte traf. Bereits traditionell kamen Schulleiter und Kollegen aus Deutschland und Österreich zusammen, die sich an ihren Schulen mit Hochbegabung beschäftigen. Erstmals waren auch zwölf "Alumni", ehemalige Abiturienten des LGH, mit von der Partie und bereicherten die Runde mit ihren Erfahrungen, die sie als Absolventen eines Hochbegabtengymnasiums jetzt an den Universitäten machen. Außerdem hatten viele Schulleiter ihre Schulsprecher mitgebracht, sodass auch hier ein reger Austausch stattfand.

Nachdem Annette von Manteuffel, Schulleiterin des LGH, die etwa siebzig Gäste herzlich willkommen geheißen hatte, stand der Donnerstag ganz im Zeichen der Vorträge der beiden Referenten: Professor Victor Müller-Oppliger, der an der FH Nordwestschweiz pädagogische Psychologie lehrt und eine Professur für Didaktik des selbstgesteuerten Lernens innehat, stellte in einem ebenso anregenden wie fundierten Vortrag die Frage nach dem Umgang mit Heterogenität und unterschied dabei Integration (die "Anderen" machen das selbe wie die Mehrheit und müssen sich anpassen) und Inklusion (die Mehrheit akzeptiert, dass einige in ihrer Mitte andere Wege gehen). Dabei verknüpfte er Ergebnisse der Neurowissenschaften mit pädagogischen Erkenntnissen und verband Theorie mit Praxis. Victor Müller-Oppliger wies auf die Problematik der Aussagekraft von numerischen Intelligenztests hin. Entscheidend sei, das Potential jedes einzelnen Schülers zu erkennen und zu fragen, wie daraus Begabung entstehen könne. Die Bedeutung des personalen Lernens sei schon daher evident, da jeder Mensch das Gelernte anders auffasse, verarbeite und anwende. Unerlässlich für jeden Lernerfolg sei es, die co-kognitiven Begabungen jedes Einzelnen zu fördern: Optimismus, Mut, Hingabe, Sensibilität, geistige und körperliche Energie sowie eine Vision von der eigenen Zukunft. Breiten Raum nahm auch in der anschließenden Diskussion die Diskrepanz ein, die ein junger Mensch zwischen dem Ideal der Selbstverwirklichung und dem sinnhaften Leben für die Gesellschaft sowie dem Wunsch nach Anerkennung erfahre.

Studiendirektor Lars Humrich, seit 2009 didaktischer Leiter der Integrierten Gesamtschule in Göttingen (IGS), der zuvor am Landesgymnasium in Schwäbisch Gmünd als Lehrer und stellvertretender Internatsleiter tätig gewesen war, stellte das Konzept seiner Schule vor, das auf den ersten Blick im Vergleich zum LGH nicht unterschiedlicher sein konnte: Bis zur zehnten Klasse lernen alle Kinder gemeinsam, langfristig angelegte "Tischgruppen" von sechs Kindern bilden immer die "Kerngruppe" für alle Arbeiten. Numerische Noten gibt es erst ab der 8. Klasse, und die Fachlehrer bleiben auch über die Schuljahre so konstant wir möglich innerhalb einer Klasse. Die IGS hat mit diesem Konzept den deutschen Schulpreis 2011 gewonnen, und im Land Niedersachsen gehört sie auch zu den Schulen mit den besten Abiturergebnissen. In der anschließenden kontroversen und engagierten Diskussion kam auch zum Ausdruck, dass für den Erfolg einer Schule eine wertschätzende Umgebung und ein funktionierendes Mentoring- und Betreuungssystem wichtig sei. Hier wies Lars Humrich auf viele Gemeinsamkeiten zwischen dem LGH und der IGS hin: Die Beratung und Begleitung durch die Lehrer, regelmäßige Kontakte zwischen Lehrerschaft und Eltern, und vor allem Dingen die zeitlichen und räumlichen Voraussetzungen dafür.

Am zweiten Tag der "Gmünder Runde" tagten Kleingruppen: Die Schulleiterrunde unter Leitung von Annette von Manteuffel versuchte zusammenzufassen, welche Bedeutung Hochbegabtenförderung für die Gesellschaft hat: Zunächst natürlich für die Schüler, und zwar im Sinne der Exzellenzförderung ebenso wie für die Erziehung zur Mitverantwortung; für die Lehrer, da in der Hochbegabtendidaktik Wege der Diagnostik, der Schülerbegleitung sowie innovativer Lehrarrangements erprobt würden; für die pädagogische und psychologische Forschung, da hier neurowissenschaftliche Erkenntnisse evaluiert und auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft werden könnten; und schließlich für das "Gesamtsystem Schule", da die Erkenntnisse der Hochbegabungsdidaktik natürlich auch für sämtliche Schularten relevant seien.

Außerdem fanden sich unter Leitung von Lehrern des LGH weitere Arbeitsgruppen zusammen und diskutierten Projekte der Spitzenförderung in ihren Bereichen: Für den naturwissenschaftlichen Fachbereich unter der Leitung von Silke Freund, für die Mathematik war Dr. Albert Oganian verantwortlich und bei den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften moderierte Stefan Weih. Zeitgleich diskutierten die Alumni, welche Einrichtungen an ihrer alten Schule sie am meisten geschätzt hätten: Das Mentorensystem wurde erneut am häufigsten genannt, und auch die individuelle Lernkultur mit der Möglichkeit zu Lernverträgen baten die Ehemaligen beizubehalten. Und besonders erfreulich: LGH-Schulsprecherin Florence Schimmel konnte verkünden, dass der lohnende Austausch unter den Schulsprechern bald fortgeführt werden solle.

Am Ende zweier intensiver Tage voller ertragreicher und anregender Diskussionen dankte Annette von Manteuffel allen Gästen, den beiden Referenten und vor allen Dingen dem Kompetenzzentrum am LGH, Dr. Christoph Sauer, Dr. Britta Kilian und Anita Klein, die die 9. Gmünder Runde exzellent vorbereitet hatten und den verdienten Applaus des Plenums entgegennahmen.

Stefan Weih, Kollegium

30.09.2011

Bild: 2011-09-30_Gmuender Runde 2011_1.jpgBild: 2011-09-30_Gmuender Runde 2011_2.jpgBild: 2011-09-30_Gmuender Runde 2011_3.jpgBild: 2011-09-30_Gmuender Runde 2011_4.jpgBild: 2011-09-30_Gmuender Runde 2011_5.jpg